Bing-Test: Genug Bumm für Google?

Nachdem Microsofts Suchmaschine Bing kürzlich zum ersten Kräftemessen angetreten ist, scheint nun die Zeit gekommen, um einen ersten Vergleich zwischen dem Klassen-Primus und dem ewigen Dritten vorzunehmen. Hat Bing genug Bumm, um zum ersten Offizier befördert zu werden?

Danke der Nachfrage

Mit etwa einem halben Prozent Marktanteil konnte Bing in Deutschland einen nicht ganz so wahrnehmbaren Start, wie in den USA an den Tag legen.
Die quantitativen Argumente bedingen, dass sich nach wie vor alle Bemühungen der SEO-Arbeit auf Google konzentrieren. Bing spielt zum jetzigen Zeitpunkt also aus rein wirtschaftlicher Sicht weder für SEO-Agenturen, noch für deren Kunden eine ausschlaggebende Rolle. Microsoft war selbstverständlich bewusst, dass die “Neue” mit der alten Suche aus eigenem Hause, aber insbesondere mit Google verglichen werden würde.

Geschwindigkeit zählt

Qualitativ konnte Microsoft hier deutlich aufholen. Auch Bing kennt eine “Universal Search”, streut die Inhalte aus anderen Suchfunktionalitäten aber wesentlich dezenter ein. Dieses Konzept unterstützt eine messbare Geschwindigkeitsausgabe. Dort, wo Google großzügig Grafiken und Maps on-the-fly einbindet, ist Bing teilweise doppelt so schnell. Das der Faktor Geschwindigkeit durchaus ein langfristiges Überzeugungskriterium sein kann, bestätigt auch eine Studie von Google. Die Frage ist nur, ob die Messwerte auch beim Nutzer ankommen, denn schließlich ist das subjektive Geschwindigkeitsgefühl entscheidend. Und genau hier scheint es große Unterschiede zu geben.

Optimierte Usability

Aus Sicht einer optimalen Usability ist die Platzierung der verwandten Suchanfragen sehr gut gewählt. Alleine durch dieses Feature gestalten sich intensivere Suchprozesse wesentlich angenehmer.

Der erhobene Zeigefinger

Es ist aber nicht alles Bing, was glänzt: Microsoft legt bei eine Vielzahl an Suchanfragen immer noch den zensierenden Rotstift an, ohne eine nachvollziehbare Erklärung zu liefern. Während Google bei wirklich problematischen Anfragen auf “Rechtsgründe” verweist und transparent auf den Ausschluss entsprechender Suchergebnisse hinweist, speist Bing den Nutzer mit folgender Meldung ab:
“Der Suchbegriff XY führt möglicherweise zu sexuell eindeutigen Inhalten.”
Weitere Suchergebnisse oder das Angebot verwandter Suchanfragen werden hier komplett unterbunden.

Für eindeutig problematische Begriffe wäre dies möglicherweise noch akzeptabel. Die Toleranzgrenze wurde jedoch so tief gesteckt, dass auch “Lesbisch”, “XXL”, “Blasen” oder “Electric Blue” zur Verweigerung der Suchmaschine führen. Dem Nutzer sollte auf diese Weise nicht immer ganz so leichtfertig das Gefühl gegeben werden, dass er ein wegzusperrender Lustmolch sei. Schließlich sind solche Suchanfragen auch in einem völlig
anderen Kontext denkbar.
Bing unterstellt übrigens auch bei Suchanfragen, wie “Pistole”, “Maschinengewehr” und “Handgranate” sexuelle Absichten.

Unterstellungen und Entmüdigungen sind vor allem dann problematisch, wenn sie auch in wirtschaftlicher Hinsicht Einfluss auf Unternehmen haben können und Begriffe wie “Playboy” oder “Beate Uhse” ebenfalls nicht gekannt werden wollen.

Kontextidentifizierung

Auch wenn die Anzeige verwandter Suchanfragen gut platziert wurde, so scheinen die Inhalte teilweise noch sehr überarbeitswürdig: Beim Begriff “Smoking” erkennt Google die abweichende Bedeutung zum englischsprachigen Kontext und bietet entsprechendes an. Bei Bing versteht man “Smoking” ausschließlich als “Rauchen”. Bei falschen Schreibweisen, wie “Doly Busta” schlägt Bing schließlich auch solche Suchanfragen vor, die dann in einer der eben beschriebenen Verweigerungen endet. Hier muss in jedem Fall noch nachgebessert werden.

Auch die Erkennung falsch geschriebener Wörter funktioniert bei Google noch etwas besser, als bei Bing: Bei der Suche nach “Buter” schlägt Bing “Bauer” vor. Auch weitere Prüfungen bestätigen diesen Eindruck.

Fazit

Auch wenn sich Bing der Google-Leistungsklasse angenähert hat, versucht Microsoft sich im Detail zu differenzieren. Dies scheint mit der recht guten Performance allerdings noch nicht spürbar zu gelingen. Außerdem ist es sehr schade, dass Microsoft von den überzogenen Jugendschutz-Richtlinien keinen Abstand genommen hat und diese von der alten in die neue Suchmaschine hinüberrettete. Für einen erfolgreichen Start in Deutschland konnte dieses Feature sicherlich keine Unterstütung sein.

Eins steht fest: Wer ordentlich optimiert, wird auch in Bing gefunden. Die Algorithmen haben gegenüber Google also sicher keine neue Innovation. Eine Nachfrage nach Bing gab es nur vereinzelt, woran man erkennt, dass derzeit das Interesse an Bing noch gering ist.

Wir dürfen skeptische sein, ob der Strategie-Mix aus erhobenem Zeigefinger und Usability-Candy aufgeht und Microsoft als Suchmaschinenmarke stärkt. Denn genau dies wäre erforderlich, wenn sich schon die gebotenen Inhalte in ihrer Qualität kaum mehr unterscheiden und als entscheidendes Kriterium ins Feld ziehen können. Bing muss eben deutlich mehr bieten, als Google dies ohnehin schon tut, um eine ernsthafte Konkurrenz zu werden.

Dieser Artikel wurde verfasst am 27.07.09 um 10:21 Uhr und in der Kategorie Bing, Google, SEO abgelegt. Sie können jedem Kommentar zu diesem Artikel über RSS folgen. Sie können unten einen Kommentar hinterlassen, einen Trackback einrichten.
Autor:

Steven Broschart ist seit über 6 Jahren als Senior Consultant der cyberpromote GmbH tätig. Neben der Betreuung von Key-Accounts ist er für die Produktentwicklung verantwortlich, die auf die Vereinigung von SEO und UXO zielt. Außerdem tritt er regelmäßig als Buch- und Fachartikelautor für diverse Publikationen in Erscheinung.

Sein aktuelles Buch: Suchmaschinenoptimierung und Usability.

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